Alltäglicher Zynismus

Dokumentarfilme sind wieder in: Michael Moore kriegt einen Oscar und seine Filme sind Blockbuster, und der Film seines Kollegen Morgan Spurlock Supersize me über Fastfood spielte nicht nur überraschend Millionen ein, sondern veranlaßte die US-Filialen von McDonald, einige Produkte aus dem Angebot zu nehmen.

Einen ähnlichen Erfolg, zumindest in der Presse und Kritik, hat gegenwärtig der Film We feed the world des Österreichers Erwin Wagenhofer über die Folgen der landwirtschaftlichen Industrialisierung: In Wien wird jeden Tag soviel Brot vernichtet, wie die zweitgrößte Stadt Graz konsumiert -ein Kilo Weizen ist billiger als ein Kilo Kies. Tomaten werden in Spanien industriell angebaut und 3.000 km weit transportiert, ehe sie auf den Markt kommen -die Transportkosten machen nur 1 % des Verkaufspeises aus.

Der Film zeigt die grotesken Beispiele in ruhigen Einstellungen; Statements von Jean Ziegler, dem UN-Sonderbeauftragten für das Menschenrecht auf Nahrung stellen den globalen Zusammenhang dar. Es kommen Beteiligte zu Wort, die reden, als seien sie schizophren: Der Top-Manager der weltgrößten Saatgut-Firma Pioneer ist gerade in Rumänien, um dort die herkömmliche Landwirtschaft, so sagte er, zu "versauen". Er führt genmanipuliertes Saatgut ein, das die Pflanzen zwar gegen gewisse Schädlinge immun macht, aber auch nur einmal verwendet werden kann. Die Bauern müssen jedesmal neues kaufen, zu Monopolpreisen, was sie nicht lange durchhalten werden. Eigentlich, meint der Manager, sei die jetzige Landwirtschaft ideal, vor allem schmeckten die Früchte viel besser. Aber der Fortschritt lasse sich nun mal nicht aufhalten. Die Avocados sehen besser aus, schmecken aber nach nichts. In einigen Jahren werde sich jedoch niemand mehr daran erinnern, wie sie mal geschmeckt haben. Selbst die Repräsentanten des "Fortschritts" können den Irrsinn nur mit Zynismus ertragen.

Und es sind auch längst schon nicht mehr die reinen Regeln oder Gesetze des Kapitalismus oder des Weltmarkts daran schuld, daß unsere Welt-Nahrungsproduktion, die locker nicht nur die gegenwärtigen 6 Milliarden, sondern auch doppelt so viele Menschen ernähren könnte, statt dessen zum Hungertod von jährlich Hunderten von Millionen Menschen führt. Denn es werden gewaltige Geldmitteln aufgewendet, damit dies so bleibt und noch schlimmer wird. Die EU und die USA bezuschussen den Wahnsinn mit 360 Milliarden Dollar jährlich, einer Milliarde täglich. Diese "Hilfe für die Landwirtschaft" ist eine einseitige, ausschließliche und den Weltmarkt durch Dumpingpreise zerstörende massive Unterstützung der Industrialisierung und der Begünstigung der eigenen Produzenten. Gemüse aus Europa kostet in Afrika ein Drittel des Preises, zu dem es bei uns auf den Markt kommt.

"Gehen Sie erst ins Kino, bevor Sie einkaufen", rät der Stern seinen Lesern. Nützt es etwas, wenn die Konsumenten erfahren, wie viele Bauernexistenzen anderswo zerstört werden, wie viele Kinder anderswo in den Hungerstod getrieben werden, wie viele Milliarden Steuergelder hierzulande dafür verschwendet werden, den "freien" Markt zu zerstören, damit sie ihr Schnitzel für 2 Euro kaufen können? Kann ein Film im Kino etwas ändern, den Verbraucher-Hebel in Bewegung setzen? Skepsis ist angebracht: Denn auch uns ist der Zynismus zur natürlichen Haltung geworden, nicht als ein Ausdruck von Abscheu und Aufforderung zum Handeln, sondern als eher beruhigendes Gefühl, selber verschont zu sein. Es ist Teil jener emotionalen Befindlichkeit, aus der heraus wir uns auch hinter "Zuwanderungsgesetzen" abschotten. Sie dient zur Beschwichtigung unseres schlechten Gewissens, und zur Stärkung des falschen Bewußtseins, nur auf der Nutznießerseite zu stehen. Wir lassen uns erschüttern im Kino, aber wir wollen auch nichts abgeben, denn Geiz ist geil.

Im Film sagt der Chef von Nestlé, dem größten Nahrungsmittelkonzern der Welt: "Wir haben noch nie so gut gelebt, wir hatten noch nie so viel Geld () wir haben alles, was wir wollen." Es scheint nicht mehr viel Mut dazu zu gehören, so etwas vor einer Kamera zu sagen. Und es ist vielleicht ein riskantes Spiel des Regisseurs, dieses Statement am Ende seines Film so stehen zu lassen.

Günter Giesenfeld